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In Memoriam: Giusep Venzin-Bearth

(29.11.1931 - 5.8.2020)

Giusep Venzin wurde 1931 als ältester Sohn von sechs Kindern der Bergbauernfamilie von Leci und Luisa Venzin-Pally wohnhaft in Fuorns im Val Medel am Lukmanierpass geboren.


Schon früh erfolgreich

Schon sein Vater und auch sein Grossvater waren erfolgreiche Strahler. Bereits als achtjähriger Bub fand Giusep im Val Cristallina einen Adular, der so schwer war, dass er ihn nicht heimtragen konnte. Pater Flurin schreibt über ihn: "Er kannte schon mit 10 Jahren 15 Mineralien", was in der damaligen Zeit für einen Bergbauernsohn sehr bemerkenswert war. Bald begleitete er seinen Vater auf dessen Strahlertouren und erlernte das Strahlerhandwerk wie kaum ein anderer. Mit zwölf Jahren forderte ihn sein Vater auf, die Lunte einer Sprengladung zu zünden. Nachdem die Lunte brannte, meinte sein Vater: "So nun musst Du Dich aber beeilen, um hinter den Felsen zu kommen". In Giusep's Jugendzeit kam neben anderen auch der berühmte englische Sammler Frederick Noel Ashcroft (1878-1949) regelmässig zu Besuch und kaufte Mineralien.

In den Stapfen seiner Vorfahren war es für Giusep natürlich, auch Strahler zu werden, zumal er ja schon früh erfolgreich war. Wie sein Vater und Grossvater wurde er Bergbauer und im Herbst Schnapsbrenner (siehe Film von RTR auf Romanisch, 1968, 6:56: Ils Brischavinars da Fuorns ("Die Schnapsbrenner von Fuorns")).

Früh lernte er Pater Flurin Maissen (1906-1999) kennen, der bei der Familie Venzin gerne zu Besuch war und Vater Leci und auch ihn gerne beim Strahlen begleitete. Der Vater Leci Venzin war einer der "Gewährsmänner" von Pater Flurin. Aus all den Aufzeichnungen über die Venzins und von mehreren anderen Strahlern der Surselva entstand die Dissertation von Pater Flurin Maissen, welche schliesslich 1955 als Buch unter dem Titel Ils Cava Cristallas bzw. auf deutsch Mineralklüfte und Strahler der Surselva erschien (Universitätsverlag Freiburg, Schweiz).

Natürlich profitierte auch Giusep von der verkehrstechnischen und baulichen Erschliessung seines Gebietes rund um den Lukmanierpass in den 1950er und 1960er Jahren wie z.B. vom Bau des Stausees Sta. Maria und vom Bau diverser Strassen zu Wasserfassungen in den Seitentälern sowie Alpstrassen). Er kaufte sich schon früh ein Motorrad, mit welchem er auch andere Fundstellen in den Zentralalpen besuchte. So war er auch einmal auf dem Tiefengletscher, wo er 12 Meter in eine Gletscherspalte fiel und sich nur mit viel Glück wieder selber befreien konnte. Von da an war er auf schneebedeckten Gletschern vorsichtiger und sondierte lieber einmal zuviel mit dem Pickel nach trügerischen Spalten. Auch meinte er: "Viele Kollegen haben das Leben verloren, weil sie nur die Kristalle und nicht die Gefahren sahen." Es ist mir nicht bekannt, dass er später bei seinen vielen Touren eine nennenswerte Verletzung davon getragen hätte.

Dank seinen Strahlerkenntnissen, seiner Beobachtungsgabe, bergsteigerischen Fähigkeiten und dem unermüdlichen Einsatz gelangen ihm unzählige hervorragende Funde. Schon sein Vater hatte gute Kontakte zu wichtigen Sammlern und Wissenschaftlern aufgebaut, welche der interessierte Giusep weiter ausbaute.

Im Zuge des Aufschwungs des Mineraliensammelns und der regen wissenschaftlichen Tätigkeit florierte auch der Mineralienhandel. Dank den Mineralien war die Familie Venzin die erste im Tal, die sich ein Auto und eine Waschmaschine leisten konnte.

Seine wichtigsten Funde

Seine hauptsächlichen Fundgebiete lagen in der Nähe seines Wohnorts: Die Berge um den Piz Medel (Las Crunas, Piz Plazi a Spescha), das bündnerische Val Cristallina mit Starlera und der Cima della Bianca, den Bergen der Scopi-Gruppe Piz Miez und Piz Vallatscha und deren Abhängen bis zur Staumauer Sta. Maria, sowie die andere Talseite mit Piz Rondadura, Piz Lai Blau und Piz Vatgira.



Besonders berühmt wurde Giusep durch den Fund von schönen und grossen Adularen von der Starlera im bündnerischen Val Cristallina im Jahre 1958 und den nachfolgenden Jahren. Wie die meisten Schweizer musste auch Giusep Militärdienst leisten, wo er bei den Füsilieren eingeteilt war. Beim Sprengunterricht gelang es ihm, den Ausbildungsleiter davon zu überzeugen, dass man die Ausbildung doch an einem nützlicheren Ort als in einer Kiesgrube abhalten solle. So erfolgte der Sprengunterricht fortan an der Starlera, wo der Eingang zur Adularkluft mit Armeesprengstoff erweitert wurde - die anderen Kursteilnehmer hatten keine Ahnung, weshalb sie da sprengten... Aus der schliesslich 20 m tiefen Kluft konnten ca. zwei Tonnen erstklassiger, milchigweisser und scharfkantiger Adulare gewonnen werden, die bald in die wichtigsten Sammlungen gelangten.

Auch der Fund 1958 zusammen mit W. Burger von zwei perfekten Rauchquarzen von 45 cm und 47 cm Länge an der Bianca war ausserordentlich und erregte damals Aufmerksamkeit. Die beiden unverletzten und weitgehend durchsichtigen Kristalle wurden auf einem Leiterwagen anlässlich eines Dorffestes in Curaglia Ende der 60er Jahre einer grösseren Öffentlichkeit vorgestellt. Später pflegte Giusep zu sagen: "Die Bianca ist meine Freundin".

Schliesslich gelangen Giusep Venzin Funde von zahlreichen anderen kostbaren Mineralien wie Titaniten und Apatiten bei Las Tuors, lila Apatiten im Val Casatscha, Axiniten am Piz Vallatscha und im Val Cristallina sowie rosa Fluorit und Synchisite an der Bianca und Datolith sowie Danburit vom Vallatschagebiet um nur ein paar wenige zu nennen. Giusep sagte: "Nur wer sich auskennt, hat auch an den ganz kleinen Dingen eine Freude." Deshalb gehörten die Professoren S. Graeser, A. Stalder, M. Weibel sowie die publizierenden Sammler R. Rykart, F. Haverkamp, A. Wagner und unzählige andere zu den regelmässig ein- und ausgehenden Gästen in Fuorns. Am gemütlichen "Stubentisch" wurden neben der eindrücklichen Vitrine voller hochkarätiger Sammelstufen viele mineralogische Fragen erörtert und spannende Fundgeschichten erzählt. In der Folge wurden zahlreiche seiner Funde und der Finder selber in vielen der Publikationen wie z.B. Die Mineralfunde der Schweiz (Parker et al, 1973, Wepf-Verlag), Die Mineralien der Schweiz (M. Weibel, 1966, 1969, 1973, 1980, Birkhäuser-Verlag) usw. beschrieben. Viele von ihm gefundene Mineralstufen gelangten in bedeutende Museen wie in die ETH Zürich (heute focusTerra, ins Bündner Naturmuseum bzw. Reportage auf kristalle.ch, ins Naturhistorische Museum Bern, ins Museum Schönenwerd (Kristalle.ch: Das Museum Schönenwerd - ein Rückblick), in die Sammlung der Uniun Cristallina in Disentis und in viele andere.

Ein Bergbauer und die Welt



1957 nahm Giusep an der ersten Schweizerischen Mineralienbörse im Mineralienmuseum Schönenwerd teil. 1966 war er als Vertreter der Strahler einer der Mitbegründer der damaligen SVSM (heute SVSMF). In diesem Jahr heiratete Giusep und in den folgenden Jahren kamen drei Kinder zur Welt - allen gefallen die Mineralien, aber leider trat keines in die Fussstapfen des Strahlers.

Als auch unter Kollegen angesehener Strahler wurde er oft um Rat gefragt und vielfach übernahm er auch Funde zum weiteren Verkauf. Dadurch enthielt sein Kristalladen immer neues Material, auch wenn er selber mal nicht so viel hatte finden können. Auch Dank dem Mineralienhandel konnte er ein ansehnliches Bekanntennetz pflegen und an gewissen Tagen kam ein Besucher nach dem anderen.

Seine Offenheit gegenüber Kunden und Wissenschaft war nicht immer zu seinem Vorteil. Gewisse Leute nahmen gerne ein paar Kisten Mineralien mit und versprachen diese das nächste Mal zu bezahlen. Nach etlichen derartigen Wiederholungen war Giusep schliesslich froh, wenigstens das Geld für die ersten Kisten zu erhalten.
Auch am Berg wurde sein Vertrauen oft missbraucht. Einen Sammler nahm er zu seiner Axinit-Fundstelle mit, in der Meinung ihm vertrauen zu können. Eine Woche später sah er bereits auf dem Parkplatz einen VW-Bus mit Unterländer Kennzeichen und bei der Fundstelle angekommen, erkannte er seinen "Freund" mit weiteren fünf Kollegen johlend an seiner Kluft arbeiten.
Durch die vielen Mineralfundbeschreibungen in der Literatur wurden auch viele Sammler von nah und fern angelockt, was zu einer sehr intensiven Suche im Gebiet führte und Funde immer schwieriger wurden.

In den Siebziger Jahren wurden die Gesetze im Zusammenhang mit dem Einsatz von Sprengstoff wegen den aufkommenden Terroranschlägen verschärft. Damit Giusep beim Strahlen weiterhin sprengen konnte (was er nur machte, wenn er sonst nicht mehr weiter kam), musste er also die Eidgenössische Sprengausbildung absolvieren, welche er mit über 50 Jahren als Klassenbester bestand. Schon vorher hatte er unter seinem Wohnhaus mitten im Dorf eine Garage aus dem Fels gesprengt, ohne dass im Haus irgend etwas Schaden genommen hätte - auch die vielen, teils filigranen Mineralstufen auf den Glastablaren überstanden das ohne Beschädigung.

Berichte über Giusep



Im Buch Mineralien. Verborgene Schätze unserer Alpen beschrieb Franz Haverkamp eine Tour mit Giusep Venzin unter dem Titel Unterwegs mit einem Medelser Strahler (PDF, 2.4 MB) (Artikel in Mineralien, verborgene Schätze unserer Alpen. 1973, Mondo-Verlag).
1983 erschien im Tages-Anzeiger Magazin der lesenswerte Artikel Ein Tag im Leben von Giusep Venzin (PDF, 1.4 MB) Tages-Anzeiger Magazin 29/83).
Um die Jahrtausendwende begleitete Peter Kreiliger den Strahler bei einem tollen Rauchquarzfund an der Bianca woraus 2003 der Film El Fuorn (auf Deutsch "Der Ton der Kristalle") entstand El Fuorn, 2001 (21:30). Im Film sagt Giusep: "Man hört den Unterschied zwischen Kristall und Stein. Wenn man scharrt, klingt es anders."
Schliesslich wurde Giusep Venzin auch von Michael Wachtler 2006 im Extra-Lapis Surselva: Das abenteuerliche Leben der Venzins (PDF, 5.3 MB) Extra Lapis Nr. 31 Surselva (2006, Lapis-Verlag) portraitiert.

Apatite und Adulare



In bleibender Erinnerung hatte Giusep, dass Ashcroft einen Grossteil des Fundes von hervorragenden lila Apatiten aus dem Jahre 1938 gekauft hatte. Insbesondere schwärmte er von einer absolut einmaligen Amethyst-artigen Stufe mit violetten stengligen Apatatiten vom Val Casatscha (Scantschallas). In den 1950er Jahren fand er immer wieder Apatite, aber nie von der Qualität derer von 1938. Anfangs 90er Jahre verkaufte er sein letztes Stück vom alten Fund, er war überzeugt, bald wieder selber schöne Apatite zu finden. 1999 durfte ich Giusep und seinen Strahlerfreund Tino mit unseren Frauen nach London ins British Natural History Museum begleiten - Giusep wollte in der Ashcroft-Sammlung unbedingt diese Apatite wieder einmal sehen. Leider waren diese Kristalle in der Sammlung nicht mehr auffindbar. Giusep und Tino machten in den folgenden Jahren ernst und flogen mit Baracke, Benzinbohrhammer und Sprengstoff sowie Proviant für mehrere Wochen mit dem Helikopter ins Fundgebiet. Sie arbeiteten dort während mehreren Jahren systematisch weiter - leider ohne nennenswerten Erfolg.

Als im Jahre 2003 das Bally-Museum Schönenwerd aufgelöst wurde, bemühte sich Giusep darum, die von ihm gefundene 95 kg schwere Adulargruppe von der Starlera wieder zurück ins Tal zu überführen - die Geschichte darum erschien damals auf Kristalle.ch: Das Museum Schönenwerd - ein Rückblick siehe "Die grosse Adularstufe". Die Stufe kann heute im leider wenig bekannten Mineralienmuseum im Gemeindegebäude in Curaglia besichtigt werden. Die schönste Adularstufe dieses Fundes und vielleicht schweizweit kann in der Sammlung focusTerra in Zürich bestaunt werden.

Die Persönlichkeit



Giusep Venzin war immer ein Kämpfer. So setzte er sich z.B. vehement zum Schutz des Val Cristallina (GR) gegen die Waffenplatzpläne der Schweizer Armee ein. Zwar konnte er das Projekt nicht verhindern, trug aber massgeblich dazu bei, dass schliesslich auch die Interessen der Gemeinde, des Tourismus und der Strahler besser berücksichtigt wurden. Als Mensch war er geprägt von der strengen Arbeit als Bergbauer, wobei sein Schalk und Humor stets präsent waren. Wenn man ihn fragte, wie es gehe, konnte er entgegnen: "Danke, den Hühnern und Kühen geht es gut". Giusep war sehr gläubig, pflegte Kontakte zu mehreren Patern und lebte nach dem Motto "Hilf dir selber, so hilft dir Gott". Giusep machte sich viele Überlegungen, war unglaublich belesen (auch wenn man ihn quasi nie beim Lesen beobachten konnte) und hatte stets etwas Interessantes zu sagen - Gespräche mit ihm waren immer sehr bereichernd (siehe auch den bereits erwähnten Artikel Ein Tag im Leben von Giusep Venzin (PDF) (Tages-Anzeiger Magazin 29/83).

Lebensabend

Ab dem Jahr 2010 ging Giusep nicht mehr auf Kristallsuche - die Gesundheit und das Risiko wollte er nicht strapazieren (siehe Interview Brischavinars e Cavacristallas ("Schnapsbrenner und Kristallsucher"), Film auf Romanisch, RTR, 6:39). Dass er an Krebs litt, steckte er jeweils mit den Worten weg: "Ich habe keine Schmerzen, nein, mir geht es gut". Trotzdem war erkennbar, dass seine körperliche Verfassung sich verschlechterte.

Am 5. August 2020 ist er friedlich im Kreis seiner Familie eingeschlafen. Ein sehr erfolgreicher Strahler und toller Mensch ist von uns gegangen. Die Begegnungen mit ihm, aber auch die vielen Mineralstufen in den zahlreichen Museen und Privatsammlungen, werden uns immer wieder an ihn erinnern.

Seiner Frau Martina und der ganzen Familie wünschen wir viel Kraft und bezeugen unsere Anteilnahme.

Olivier Roth

Weiterführende Links:



Die Bilder:

Die folgenden Bilder stammen zum grössten Teil vom Autor und von der Familie Venzin.

Legende:
B=Breite, BB=Bildbreite, BH=Bildhöhe, H=Höhe, L=Länge, KL=Kristallänge.


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Letzte Änderung dieser Seite: 02.01.2021 15:06:41
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